Brückenschlag Brasilien

Brückenschlag Brasilien – Simplicio Mendes

Seit 1969 ist Gerd Gereon, der aus Bramfeld stammt, Pfarrer der Herz-Jesu-Gemeinde in Simplicio Mendes, einem Städtchen im Sertao, im Hinterland des immer wieder von Dürre heimgesuchten, besgerhardFebr2009.gifonders armen Nordosten Brasiliens. Die Pfarrei, inzwischen unterteilt, umfasst insgesamt 8600 qkm mit über 50.000 Menschen und zahlreichen Außenstellen.

Neben seinen seelsorgerischen Aufgaben hat Pfarrer Gereon vor allem den Ausbau großer Stauprojekte – zur besseren Überwindung der zyklisch auftretenden Dürreperioden – vorangetrieben, um so bessere Voraussetzungen für den Lebenserwerb der ansässigen Landbevölkerung zu schaffen und die Abwanderung in die Slums der Großstädte zu verhindern. Diese Projekte werden seit 1970 durch die Aktion „Brückenschlag Brasilien – Simplicio Mendes“ auch durch unsere Gemeinde unterstützt.

Liebe Schwestern und Brüder in Deutschland:

Bei Gelegenheit der Chrisammesse am Gründonnerstag bat mich unser Bischof darum, eine Besinnung für die Mitbrüder vorzubereiten. Der Klerus der Diözese steht ja im Mittelpunkt dieser Liturgie: er erneuert sein Versprechen den priesterlichen Dienst treu zu verrichten. Seit langem stört mich etwas an dieser Liturgie: sie stellt einseitig den Klerus heraus, während die Weihe der Öle sich gerade auf das gesamte Gottesvolk bezieht: die doppelte Salbung bei der Taufe, danach bei der Firmung und bei der Krankensalbung und schließlich auch bei der Priesterweihe. Die Chrisammesse feiert das Geheimnis des Volkes Gottes, das „allgemeine Priestertum“ aller Getauften und das Wirken des Heiligen Geistes in den Herzen der Jünger Jesu, die seinem Weg folgen in ihrer priesterlichen Hingabe an den Vater und ihrem demütigen Dienst für das Leben der Brüder in der Welt. „Gesalbt“ mit dem Heiligen Geist (1 Joh. 2,20) werden die Mitglieder des Volkes Gottes für alle Völker die „Stadt auf dem Berg“,

Salz und Licht. Warum fragt man dann nur die Kleriker, ob sie dieser Sendung treu bleiben wollen? Meine Mitbrüder waren etwas verdutzt bei dieser Frage, und ich etwas erschrocken darüber sie so kurz und bündig gestellt zu haben.

Ich gehe nun zu einem anderen Thema über, das sich jedoch am Ende einfügt in dieses Verständnis des Volkes Gottes. Wir sind uns in diesen Tagen klar darüber geworden, dass wir eine vierte Dürreperiode hinter uns haben. Auf die Frage nach den Ernteerträgen gibt es immer dieselbe Antwort: Wir haben nur eine kleine Bohnenernte gehabt – vor allem der Mais, aber auch Sesam, Maniok, der Futterkaktus und Silagepflanzen haben kein Ergebnis gebracht. In der ganzen Regenperiode von November bis April hat es drei kurze Abschnitte gegeben, in denen größere Niederschläge fielen: im Dezember, im Februar und im April. In den großen Abschnitten ohne Regen gingen die jungen Pflanzen ein oder wurden von einer plötzlich auftretenden Raupenplage kahlgefressen. Der Unterschied zu den vorherigen Dürrejahren war die große Regenmenge in wenigen Tagen. Das bewirkte ein schnelles Auffüllen der Wasserreserven. Praktisch wird es nicht den Wassermangel geben, der in den letzten drei Jahren so große Einbußen im Viehbestand hervorrief. Auch der Busch als natürliche Weide ist viel geschlossener als vorher. Das alles bewirkt eine bestimmte Erleichterung.

Aber trotzdem ist die Lage bedrückend. Große Mengen Saatgut gingen verloren. Die investierte Arbeit und unvermeidliche Ausgaben brachten kein Ergebnis. Jeder kleine Bauer empfindet das als belastend. Aber außer den Schäden der direkt Betroffenen gibt es auch unsere Tätigkeit unter den armen Bauern. Sie versucht immer wieder die durch das Klima verursachten Schäden zu lindern oder zu überwinden. Vor allem aber möchte sie die Bauern anleiten und begleiten, um auf neuen Wegen ihre Lage zu verbessern. Seit vier Jahren müssen wir die Rückschläge durch das Klima einstecken. Sie zeigen die Kraft der Dürre, die sich nicht verbannen lässt. Man wird sich damit abfinden müssen. Aber man entgeht nicht der Entmutigung, die die Frage aufwirft: hat es Sinn, diesen Weg fortzusetzen? Das Beispiel der Bienenzucht ist da besonders klar. Von den 32.000 Bienenvölkern der Imkergenossenschaft waren im vergangenen Jahr noch 6.500 übrig. Davon haben wir 2.200 in ein 1.000 km weit entferntes Gebiet umgesiedelt und konnten 2.000 zurückbringen. So wurde ein neuer Anfang gemacht. Trotz des unzureichenden Regens konnte eine Honigernte von 250 Tonnen erarbeitet werden – in Geld ausgedrückt: umgerechnet € 670.000,00 (bei dem geringen Angebot gingen wenigstens die Preise in die Höhe). Um jedoch auf den normalen Stand zu kommen, braucht man eine längere Zeit. Aber der berechtigte Pessimismus verliert doch ein wenig an Überzeugungskraft.

Auf der monatlichen Versammlung unserer Mitarbeiter brachte ich meine Skepsis zum Ausdruck. Überraschend war die Reaktion: sie wollten meine Skepsis nicht teilen. Sie zeigten die positiven Ergebnisse unserer Arbeit auf, die auch die Dürre nicht zerstören konnte. Die Dürre hat uns sogar belehrt, dass ihr negativer Effekt gemildert wird, wenn man bestimmte Regeln lernt und beachtet. Darin besteht seit langem unsere Arbeit. Immer mehr Bauern produzieren z.B. auf ihren Feldern Futtervorräte und legen Silos an; damit werden in der Ziegenzucht größere Schäden vermieden. Diese Tierhaltung beweist immer mehr ihre realistischen Aussichten auf eine gute Entwicklung. In diesem Jahr planen wir zum zweiten Mal einen großen Markt für Schafe und Ziegen. Nach dem ersten großen Erfolg wissen wir, wie wichtig dieser Impuls ist. So etwas war hier völlig unbekannt.

Auf derselben Linie liegt unsere Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen aus den Familien der Kleinbauern. In mehrwöchigen Kursen werden bevorzugt die Bienenzucht und die Ziegen- und Schafzucht behandelt. Das bringt mehr Dynamik in die Familien als die Arbeit mit der älteren Generation. Ein Bauer lässt sich leichter von seinen Kindern als vom Pfarrer überzeugen.

Erwähnen muss man hier auch das Bemühen mit unseren Bauern für ihre Produkte die Zertifikate als Bio-Produkte zu bekommen. Das sind Lernprozesse und viel Bürokratie, immer ein beschwerlicher Weg zu bisher unbekannten Verhältnissen. Doch der Markt verlangt immer mehr danach. Nur die Familienbetriebe der Kleinbauern können diesen Anforderungen entsprechen. Die große Agrar-Industrie hat kaum Interesse daran.

Das sind nur wenige Beispiele einer längeren Liste, die meine Leute vorbrachten, um meine Bedenken zu zerstreuen. Nach ihrer Meinung bringt uns die Dürre nicht um ausreichende Argumente. Dazu kommt aber noch ein anderer Gesichtspunkt. Die kleinen Bauern, denen die Dürre die größten Schäden zufügt, haben am wenigsten Neigung zur Mutlosigkeit. Sie sind realistisch genug, um ihre Lage klar zu erkennen. Aber sie haben ein Argument, das schwer zu widerlegen ist: es kommt aus ihrem Glauben an den guten Vatergott, der seine Kinder nicht verlässt. Immer ist ihr letztes Wort: „Mit Gottes Hilfe wird alles besser.“ Das ist kein billiger Trost – es ist eine Erfahrung, die zur festen Überzeugung geworden ist. Beim genaueren Hinsehen bin ich einer der wenigen, die unter der entmutigenden Skepsis leiden.

Wahrscheinlich würden meine deutschen Schwestern und Brüder auch versuchen, mir meine Einwände auszureden und mir Mut zu machen. Da wären dann auf einmal die Rollen vertauscht. Anstatt dass ich die Gemeinde zu Gottvertrauen ermutige, werde ich von der gläubigen Gemeinde ermutigt. Das Geheimnis des Volkes Gottes liegt gerade darin, dass wir gemeinsam unterwegs sind, jeder einzelne aber mit seinen Gaben dem Ganzen zur Verfügung steht. Alle Getauften sind fähig, dem Hohenpriester Jesus zu folgen, dem menschgewordenen

Gott, der sein Amt ausübt zusammen mit denen, die ihm folgen. Wie er sind sie Versuchungen unterworfen, und bei ihm lernen sie, was sein Priestertum auszeichnet: Treue dem Vater gegenüber und Mitleid den Brüdern gegenüber. Eine Klerus-Hierarchie ist auf diesem Weg nicht mehr denkbar. Denn alle sind wir auf dem Weg zum Vater, über das Kreuz zur Auferstehung. So lehrt es uns der Brief an die Hebräer.

Als ich im großen „Lexikon für Theologie und Kirche“ nach der Erklärung der Chrisammesse suchte, überraschte mich die klare Behauptung: „Die Erneuerung der Bereitschaftserklärung zum priesterlichen Dienst trägt einen theologisch problematischen und liturgisch verfehlten Akzent in die Chrisammesse hinein.“ So klar hatte ich nicht gewagt mich auszudrücken als kleiner Bauernpfarrer. Da war plötzlich meine bisher schüchterne Skepsis überwunden. Nun konnte ich nur noch zu dem Schluss kommen: Mein Platz ist bei diesen armen Bauern, die in vier langen Dürrejahren ihre Hoffnung und Freude nicht verlieren.

Mit ihnen zusammen grüße ich Sie alle in dankbarer Verbundenheit

Ihr

Padre Geraldo Gereon.

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